ALZHEIMER-Erkrankung: ...wenn das Ich vergeht....

50 Jahre alt war Auguste Deter, wohnhaft Mörfelder Landstr. 64, in Frankfurt, als ihr Mann sie im damaligen Städtischen Krankenhaus, heute Uniklinik Frankfurt, vorstellte: sie litt an Liebeswahn, der in der Folge begleitet wurde mit Orientierungsverlust, Verlust der Merkfähigkeit und Halluzinationen.  Dort stellte sie sich dem jungen Psychiater und Neuropathologen Alois Alzheimer vor, der dieser Erkrankung seinen Namen gab. Die eigentliche Leistung von Alzheimer bestand nicht nur in der Beschreibung des klinischen Verlaufs, sondern in der mikroskopischen Aufarbeitung des nach dem Tod entnommenen Gehirns. Er beschrieb die Abflachung der Hirnhälften, die Einlagerung von Eiweiß in den Hirnzellen („Amyloid“) und Gefäßveränderungen.

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Auguste Deter im Alter von 51 Jahren (Wikipedia)

 

Der Verlust des „Winkelsehens“ ist ein klinisches Diagnostikum: Würfel können nicht mehr gezeichnet, Uhren können nicht mehr abgelesen werden.

 

verfettungDas 3 dimensionale Erkennen ist aber die Grundlage für die Wiedererkennung von Personen. Perspektiven können nicht mehr erkannt werden. Bereits nach 1 Jahr der Erkrankung erkennen sich die Patienten im Spiegel nicht mehr wieder. Zunehmend verlieren die Patienten die Fähigkeit, weißes Licht wahrzunehmen.

 

Am Beispiel des  bekannten Werbegraphikers Carolus Horn (bekannte Slogans „Nur Fliegen ist schöner“, „Alle reden vom Wetter, wir nicht“ – er arbeitete in der Werbeagentur McCann) konnte der ehemalige Direktor der Frankfurter Universitätsklinik für Psychiatrie, Prof. Maurer, sehr anschaulich zeigen (http://www.frankfurt-alzheimer.de), wie sich die einzelnen Phasen der Erkrankung in  den Zeichnungen von Horn widerspiegelte: die Tiefe ging verloren, Schwäne wurden zu Schafen, die Bilder wurden gelb.

 

Carolus Horn (Quelle: Einladungsflyer Klinik für Psychiatrie Chemnitz)

 

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Das erste Bild von der Rialto-Brücke in Venedig entstand noch in gesunder Zeit.

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Im Jahr 1980, vier Jahre vor Ausbruch der Krankheit, zeigen sich Veränderungen der räumlichen Bezüge.

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Sein letztes Rialto-Bild malt der Künstler 1988. Zu diesem Zeitpunkt konnte Horn Personen nicht mehr eindeutig erkennen. Sein Stil wird „naiv“, ornamental und farbenfroh.

 

verfettungDie Wolken, zuvor detailliert und realistisch wiedergegeben, erscheinen nur mehr als schematisierte ovale Gebilde. Mehr und mehr reduzieren sich die Bildelemente; die Malerei wird „kindlich“.

 

Alzheimerentstehung: in der Lebensmitte werden die ersten Prozesse eingeleitet

Die Alzheimer-Erkrankung offenbart das Dilemma in der Medizin: erst wenn die Krankheit (= Beschwerden, schlechte Hirnfunktion) auftreten, beginnt die Therapie. Ca. 20 Jahre brauchen aber diese Prozesse, die zum Verlust unserer Individualität führen. Mit anderen Worten: die Therapie der Alzheimer-Erkrankung wird immer zu spät einsetzen, die ca. 20 Jahre lang andauernden Alterungsvorgänge lassen sich nicht stoppen! Alle Wissenschaftler sind sich diesbezüglich einig, dass Prävention, d.h. die frühzeitige Behandlung von Stoffwechsel- und Gefäßprozessen die zur Zeit einzige Chance ist, dieser Entwicklung in unseren Gesellschaften entgegenzutreten.

„Wir denken zu sehr in Krankheiten, statt in der Verhinderung  von Krankheiten“, Margaret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (2014,WHO)

 

Mehr als 36 Millionen Menschen leiden laut Alzheimer-Weltbericht an einer Demenz. Unerfüllt bleibt bislang der Wunsch, ihnen mit Arzneimitteln ihre geistige Gesundheit zurück zu bringen. Die Zahl der Alzheimer-Erkrankungen könnte sich laut neuester Hochrechnungen bis 2050 verdrei­fachen (Sam Norton King´s College London, in Lancet Neurology). Angesichts fehlender kausaler Therapiemöglichkeiten sei Prävention besonders wichtig. „Wenn durch entsprechende Maßnahmen die Erkrankung bei den über 60-Jährigen um auch nur ein Jahr hinaus gezögert werden könnte, wäre die Anzahl der Erkrankten im Jahr 2050 um elf Prozent geringer“, so die Wissenschaftler. Mit ihrer Studie wollten sie untersuchen, inwiefern die Reduktion einzelner Risikofaktoren die Zahl der Neuerkrankungen reduzieren könnte. Wissenschaftler aus Kalifornien setzen bei der Prävention an. Sie halten jede dritte Alzheimer-Demenz für vermeidbar. Die Forscher stützten ihre Studie auf die Ergebnisse von Metaanalysen, welche den Einfluss von insgesamt sieben modifizierbaren Risikofaktoren auf die Entwicklung der Alzheimer-Erkrankung untersuchten. Dazu gehörten körperliche Inaktivität, Rauchen, arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) und Übergewicht im mittleren Lebensalter, ein niedriges Bildungsniveau, Diabetes und Depression.

Alzheimer wegen zu geringer Bildung

Weltweit gesehen war ein niedriges Bildungsniveau der stärkste Risikofaktor für die Entwicklung der Alzheimer-Erkrankung. Einen Erklärungsansatz dafür bietet Prof. Dr. James W. Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock. Er erklärt es unter anderem mit der größeren Fürsorge, die Menschen mit höherer Bildung und einem größeren Einkommen rund um ihre Gesundheit betreiben. Sie informieren sich umfangreicher und ernähren sich im Schnitt besser. Rund 19 Prozent der Alzheimerfälle könnte nach Erkenntnis der amerikanischen und britischen Forscher durch eine bessere Schulbildung mit Abitur vermieden werden.

Für Europa, Großbritannien und die USA war hingegen mit rund 20 Prozent körperliche Inaktivität der wichtigste vermeidbare Risikofaktor. Die Forscher errechneten, dass insgesamt 28,2 Prozent aller Erkrankungsfälle auf alle sieben Risiko­faktoren zurückgehen. Dies sind für das Jahr 2010 9,6 Millionen der geschätzt 33,9 Millionen Erkrankungsfälle. Die Wissenschaftler errechneten weiter, dass bei einer Reduktion jedes Risikofaktors von etwa zehn Prozent pro Dekade bis 2050 weltweit 8,3 Prozent aller Erkrankungen verhindert werden könnten. In der Reduktion vaskulärer (= Gefäß ) Risikofaktoren, Depressionsbehandlung und Prävention sowie in einer Verbesserung des Bildungsniveaus sehen die Forscher die viel- versprechendsten Ansatzpunkte. Neuere Forschungsergebnisse hätten bereits ergeben, dass in Europa die altersspezifische Prävalenz von Demenzerkrankungen bereits rückläufig ist, besonders in der Gruppe der über 90-Jährigen. Die Wissenschaftler sehen hier ein mögliches Indiz, dass die Verbesserung der vaskulären Gesundheit bereits erste Erfolge zeigt.

Warum Diabetiker ein höheres Demenzrisiko haben

Beim Diabetiker lässt sich der Zusammenhang mit einem höheren Demenzrisiko durch einen krankhaft hohen bzw. niedrigen Insulinspiegel im Blut sowie eine Insulinresistenz im Hirn erklären. Zu Beginn des Diabetes, also lange bevor hohe Zuckerwerte gemessen werden, sind die Insulinspiegel im  Blut deutlich erhöht. Dieser Zustand wird als „Insulinresistenz“ beschrieben, der Körper reagiert schlecht auf Insulin. Die Blut-Hirnschranke schützt das Hirn vor diesen hohen Insulinspiegeln, mit der Folge, dass die Insulinkonzentrationen im Hirn zurückgehen. Insulin hat zentrale Wirkungen: Gewichtsregulation, Sättigung und Denkprozesse werden durch Insulin gesteuert. Ein Mangel an Insulin im Hirn scheint das Altern des Gehirns zu beschleunigen. Andererseits führt Insulinresistenz zu steifen Gefäßen, der langsame Anstieg des Zuckers, vor allem nach dem Essen, schädigt die peripheren und zentralen (= Hirn) Gefäße. Durch Überzuckerung oder Bluthochdruck verschärft sich die Lage für diese Menschen weiter. Darum raten Fachärzte auch mit Blick auf eine Demenzprävention dazu, den Diabetes gut einzustellen. Und: Gewichtsreduktion lässt das Insulin im Gehirn wieder ansteigen und verbessert das Denken!

Daneben zeigen sich jedoch auch „Couchpotatoes“ und Depressive als prädestiniert für den schleichenden geistigen Verfall. Die Wissenschaftler rund um Sam Norton werteten dazu die Daten aus allen verfügbaren Metaanalysen der vergangenen Jahre aus und errechneten dann, wie sich Alzheimer verhindern ließe, wenn die Menschen nicht mehr zu dick, nikotinsüchtig, bewegungsfaul oder depressiv wären und auch keinen zu hohen Blutdruck hätten: jeder dritte Alzheimerfall wäre vermeidbar.

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